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Erntedank

Dankbar sein für unser Leben!

Das ist der Sinn des Erntedankfestes. Ich glaube, das Erntedankfest wird in der ganzen Welt gefeiert. In Indien feiern wir das Fest etwas anders als in Deutschland. In jedem Bundesstaat in Indien wird das Fest gefeiert, zwar zu verschiedenen Zeiten und mit verschiedenen Namen. In meiner Heimat, Kerala, nennt man das Erntedankfest Onam und in meinem Nachbarbundesstaat, Tamilnadu, nennt man es Ponkal. In Nord Indian heißt es Holi. Es ist das einzige gemeinsame Fest, das in Indien in allen Religionen gefeiert wird.

An dem Festtag gibt es in jedem Haus meiner Heimat ein Festessen. Bei diesem Essen gibt es kein Fleisch und Fisch, nur Gemüse und Reis. Wir feiern es im Familienkreis als ein Familienfest. Viele kaufen an diesem Festtag neue Kleidung und machen einen Tagesausflug. An diesem Tag schenken reiche Menschen Kleidung und gutes Essen an die Waisenhäuser und an arme Menschen, damit auch sie das Erntedankfest gut feiern können. Man vergisst einfach an dem Festtag Traurigkeit und Armut und lebt in Dankbarkeit und Zufriedenheit.

Lange habe ich überlegt, wie man „Dankbarkeit“ und „Zufriedenheit“ umschreiben könnte. Ich glaube, vielleicht kann man es so umschreiben: „Sich annehmen und lieben“. Im Grunde kann es wohl nur bedeuten: das Leben, das Gott uns geschenkt hat, zu leben, und zwar im vollen Bewusstsein, dass es ein Geschenk ist. Es ist ein dankbares und zufriedenes „Ja“ zu unserem Leben.

Eine wichtige Frage stellt sich uns heute am Erntedankfest: Kann ich Gott auch bei Misserfolg danken? Ich weiß darauf keine direkte Antwort. Ich möchte nur sagen: Ich habe Grund immer für mein Leben zu danken, denn es gibt viele Menschen, denen es schlechter geht als mir.

Viele von uns meinen, mehr Grund zu klagen als zu danken zu haben. Von der tauben und blinden Schriftstellerin Helen Keller stammt der Satz: „Ich weinte, weil ich keine Schuhe hatte, bis ich jemanden traf, der keine Füße hatte.“ Oft brauchen wir solch eine Erkenntnis. Wir müssen jemanden sehen, dem es noch um vieles schlechter geht als uns, damit wir unser Schicksal annehmen können. Es kommt darauf an, mit welchen Augen wir die Welt sehen.

Am Erntedankfest erinnern wir uns daran, dass uns viel geschenkt ist. Wir werden aber auch daran erinnert, dass wir teilen sollen. Ich habe irgendwo gelesen: „Nehmen füllt die Hände, schenken füllt das Herz“.

Die heilige Messe ist ein großes Dankfest. Eucharistie heißt Danksagung. Das heilige Brot in unseren Händen im Gottesdienst und auch das Brot zuhause auf unseren Tischen erinnert uns daran, dass Gott sich um uns Menschen sorgt. Am heutigen Erntedankfest darf ich alles: meine Fragen, meine Sorgen, meine Bitten und vor allem meinen Dank in Gottes gute Hände legen.

Wir wollen versuchen, dankbar und zufrieden zu leben, mit dem, was wir haben, und es gleichzeitig miteinander zu teilen.

 

Pater Antony

 

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